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Teenie-Star Snapchat

Der Messaging-Dienst strebt 2017 an die Börse. Er könnte bis zu 35 Mrd. $ wert sein.

Carlo Portmann, San Francisco

Evan Spiegel drängt es an die Börse. Der CEO von Snap (SNAP 39.34 +5.22%) macht es aber spannend und gibt nichts preis. Klar ist: Es wäre einer der grössten Börsengänge seit Jahren. Der Gang aufs Parkett sei schon diesen Frühling möglich, berichtet das «Wall Street Journal». Snap habe bereits Goldman Sachs (GS 328.21 -0.61%) und Morgan Stanley (MS 87.28 +0.33%) als Lead-Banken engagiert. Credit Suisse (CSGN 7.47 -0.40%), Deutsche Bank (DBK 11.83 +0.19%), J. P. Morgan, Allen & Co. sowie Barclays (BCY 1.79 +0.85%) seien ebenfalls mit von der Partie, schreibt Bloomberg. Die Betreiberin der bei jungen Menschen populären Smartphone-App könnte laut Bloomberg bis zu 4 Mrd. $ einnehmen und eine Bewertung von 25 bis 35 Mrd. $ erreichen. Um diesen Zahlen gerecht zu werden und die Gunst der Investoren zu gewinnen, müssen Spiegel und sein Team aber beweisen, dass sich mit Snap auch Geld verdienen lässt.

Snapchat ist für die Nutzer kostenlos. Die Anwender sollen dafür möglichst viel Inhalt selbst produzieren und über die App teilen, was neue Anwender anlockt und bei der Stange hält. Zwischen die meist mit knallig-bunten Pfeilen, Herzchen und Emojis angereicherten Fotos und Videos schalten Firmen ihre Botschaften und bezahlen Snap dafür.

Beliebt bei der Jugend

Die App ist bei Werbern beliebt, die Millennials erreichen wollen. In der Schweiz nutzt gemäss dem Jugendbarometer der Credit Suisse über die Hälfte der befragten 16- bis 25-Jährigen die Software. In den USA ist der Dienst beliebter als Facebook (FB 233.89 +4.02%). Snapchat wurde 2011 gegründet. Laut Chief Strategy Officer Imran Khan verwenden jeden Tag rund 150 Mio. Menschen die App.

In den vergangenen Monaten arbeitete das Unternehmen daran, die Einkommensströme zu diversifizieren und Kunden eine breitere Werbepalette anzubieten. Dabei setzt die Technologiefirma etwa auf sogenannte gesponserte Linsen, die die Nutzer über die eigenen Beiträge legen und deren Bereitstellung Snaps Kunden bezahlen. Beispielsweise verwandelt sich auf einem Foto das eigene Gesicht in einen übergrossen Taco mit Augen und Mund, im unteren Teil des Bildschirms erscheint das Logo einer Schnellimbisskette. Das soll die Nutzer zu  einer besseren Wahrnehmung der Marketingbotschaft animieren.

In der Werbebranche ist eine Kampagne erfolgreich, wenn sie die Zielgruppe erreicht und Streuverluste vermieden werden. Das strebt Snap durch Neuentwicklungen an. Gemäss Angaben des US-Patentamtes hat die Firma ein Patent für Technologie eingereicht, mit der Objekte in den über die App geteilten Fotos automatisch erkennt werden sollen. Das gäbe Werbern die Möglichkeit, ihre Botschaften noch zielgruppenspezifischer zu verbreiten. Beispielsweise wäre es denkbar, dass Nutzer, die öfters Bilder von sich verschicken, wie sie beherzt in einen Burger von McDonald’s (MCD 246.83 -0.97%) beissen, Anzeigen von deren Konkurrenten Big Mac erhalten.

Facebook kupfert ab

Die Konkurrenz schläft bekanntlich nicht. Insbesondere Facebook will ein Abwandern der jungen Nutzer verhindern und hat zentrale Snapchat-Ideen kopiert. So experimentiert Facebook damit, dass der Nutzer wie bei Snapchat Fotos und Videos zusammenfügen, Sticker als Verzierung hinzufügen und den Inhalt nach einer Zeit automatisch verschwinden lassen kann. Teilweise ist das mittlerweile auch bei Instagram und WhatsApp möglich, die im Besitz von Facebook stehen.

Facebook wählte ursprünglich einen weit direkteren Weg, um sich den aufstrebenden Rivalen vom Hals zu halten: Vor drei Jahren boten Mark Zuckerberg und sein Team Snapchat 3 Mrd. $ in bar für den Kauf. Snapchat schlug die Offerte aus, damals viel belächelt. Mittlerweile versucht Facebook, ähnliche Firmen aufzukaufen und so dem Nebenbuhler das Wasser abzugraben. So wollte das Unternehmen diesen Sommer den in Asien populären Snapchat-Klon Snow übernehmen, scheiterte aber auch damit.

Derweil bemüht sich Snap, nicht nur als Betreiberin einer bei Teenagern beliebten Spass-App wahrgenommen zu werden. Chief Strategy Officer Imran Khan betonte, heute sei mehr als die Hälfte aller in den Staaten neu gewonnenen Nutzer mehr als 25 Jahre alt. Bei Facebook dürften bei solchen Statements alle Alarmglocken schrillen.

 

Der Credit-Suisse-Mann fremdelt noch

Fast zwei Jahre nach seiner Ernennung zum Chief Strategy Officer muss sich Imran Khan noch in das ihm wenig vertraute Milieu der Technologie-Start-ups einleben. Nichts macht das deutlicher, als wenn er an einer Konferenz im für die Branche obligaten Kapuzenpullover auftritt – darunter aber ein weisses, akkurat gebügeltes Hemd trägt. Imran Khan ist ein Mann der Wallstreet. Den Vater von zwei Kindern hat es nach Jahren im Finanzzentrum New York an die Westküste zu einem Start-up verschlagen, das von einem 26-Jährigen geleitet wird und dessen Smartphone-App Teenager unterhält.

Khan arbeitete bis Frühling 2011 bei der Bank J. P. Morgan. Als leitender Analyst für die Internet-Branche deckte der Enddreissiger, der einen Abschluss in Finanzwissenschaften der Universität Denver hat, Titel wie Google, Amazon (AMZN 3'366.93 +2.93%) und Yahoo ab. Dann kam der Wechsel zur Konkurrentin Credit Suisse. Hier arbeitete er wiederum für die Internet-Branche im Investment Banking. So sass er mit am Tisch, als der chinesische Internethändler Alibaba (BABA 117.50 +6.62%) die Erstplatzierung an der Börse in New York vorbereitete und dazu u. a. Credit Suisse beauftragte. Das Initial Public Offering Alibabas im September 2014 gilt als einer der weltweit grössten Börsengänge.

Imran Khan scheint Talent dafür zu haben, einen Börsengang vorzubereiten und dabei um die Gunst der Investoren zu buhlen. Das sind Fähigkeiten, die bei Snap sicher geschätzt werden. Nach dem Umzug an die Westküste dürfte allerdings nicht nur das warme Wetter am Snap-Hauptsitz in Venice, einem Stadtteil im Westen Los Angeles, gewöhnungsbedürftig sein. Als Chief Strategy Officer muss der ehemalige Investmentbanker weitere Kanäle für den Verkauf von Werbung erschliessen und neue Produkte lancieren. Dabei will Khan in der Öffentlichkeit vor allem hervorstreichen, dass Snap viel mehr könne, als nur eine bei Jugendlichen beliebte Smartphone-App zu betreiben.

Er verspricht nichts weniger, als mit Snap die Kamera neu erfinden zu wollen. So dringt die Technologiefirma in den Hardwarebereich vor und hat jüngst eine Sonnenbrille vorgestellt, mit deren eingebauter Kamera Fotos und Videos für Snapchat aufgenommen werden können. Das klingt nicht sonderlich innovativ und erinnert stark an Googles vorerst gescheitertes Datenbrillenprojekt Google Glass. Laut Chief Strategy Officer Khan wolle man aber bald nachlegen, Snap stehe mit der Brille Spectacles erst am Anfang einer Serie neuer Produkte, so verheisst er.