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Raiffeisen-Finanzierung auf dem Prüfstand

Die 246 einzelnen Raiffeisenbanken hinterfragen die Gebühren an die St. Galler Zentrale. Für sie ist es zurzeit nur eine von vielen Baustellen.

Die Finanzierung von Raiffeisen Schweiz soll überarbeitet werden, ist aus den Kreisen der Bank zu hören. Die 246 Einzelbanken würden die Abgaben hinterfragen, die sie an die St. Galler Zentrale für gemeinschaftliche Dienstleistungen abführen müssen.

Teilweise seien die Banken über die Kosten verärgert, denn es sei nicht mehr nachvollziehbar, wie die Beträge zustande kämen. Die Gebührenordnung soll dem Vernehmen nach nun markt- und volumengerechter ausgestaltet werden.

Seltsame Konstellation

Raiffeisen Schweiz, eine genossenschaftliche Tochter der 246 Raiffeisenbanken im Land, wurde in den Siebzigerjahren gegründet und übernimmt für die Einzelbanken Gemeinschaftsaufgaben wie Kapitalmarkttransaktionen, Fremdwährungsgeschäfte, das Risikomanagement, Marketing, IT oder Strategieplanung.

Die Genossenschaftsbanken und Raiffeisen Schweiz befinden sich so in einer seltsamen Konstellation: Einerseits ist Raiffeisen Schweiz die Tochter der Einzelbanken und wird von ihnen über eine Delegiertenversammlung (DV) kontrolliert. Andererseits kontrolliert Raiffeisen Schweiz auch ihre Mütter, wenn sie beispielsweise die zentrale Rolle des Risikomanagement übernimmt.

Unter Ex-Chef Pierin Vincenz wurde die Tochter zum Führerstand ausgebaut. Mit der Rechtfertigung, die zentrale Funktion der Strategieplanung zu erfüllen, kaufte Vincenz verschiedenen Gesellschaften zu.

Vincenz steht im Verdacht, sich versteckt an mindestens einer dieser Gesellschaften im Vorfeld beteiligt zu haben. Gegen den Ex-Chef ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung. Am Dienstag sprach Vincenz bei der Behörde vor, wie «20 Minuten» berichtete.

Mehr Gehör für Einzelbanken

Die Leistungsdiskussion bei Raiffeisen Schweiz ist Teil des Programms Fokus 21, mit dem die Bank sich erneuern möchte. Dazu gehört neben der Diskussion über Finanzen und die Rechtsform eine bessere Einbindung der 246 Raiffeisenbanken bei der Entscheidungsfindung von Raiffeisen Schweiz.

Über ein neues Gremium soll die Haltung der Einzelbanken besser Gehör finden. Wie dieses Gremium ausgestaltet sein wird, müssen die Banken noch entscheiden. Möglich ist ein Gremium, in dem jede Bank eine Stimme hat.

Heute gibt es neben der DV nur nichtstatutarische Gruppierungen wie diejenige der 21 Regionalverbände. Diese ist dem Vernehmen nach zurzeit in alle wichtigen Vorgänge bei Raiffeisen Schweiz involviert. Vom Umbau der Finanzierung über eine neue Vergütungsordnung bis hin zur Auswahl einer Führungsmannschaft.

400 Bewerbungen für neue Spitze

Derweil sind um den Posten des Verwaltungsratspräsidenten (VRP) von Raiffeisen Schweiz wohl noch rund ein Dutzend Personen im Rennen, ist aus Kreisen der Bank zu hören. Ursprünglich wurden 400 Dossiers für die Posten von VRP und CEO gesichtet.

Ein Kandidat oder eine Kandidatin soll Mitte September präsentiert werden und sich dann am 10. November bei einer DV in Brugg zur Präsidentenwahl stellen. Bankerfahrung, Compliance-Know-how, Risikoverständnis und IT-Wissen gehören zum Anforderungsprofil.

Gleichzeitig werden weitere Verwaltungsräte gewählt, unter denen sich mindestens eine Frau befinden soll. Ziel ist es, den Verwaltungsrat auf neun Mitglieder aufzustocken, heute sind es sieben.

Gisel könnte länger bleiben

Der neue Verwaltungsrat wird dann einen neuen Chef bestimmen, für den ebenfalls bereits eine Vorauswahl laufen soll. Wie zuvor für die VRP-Selektion wurde auch hier wieder der Headhunter Guido Schilling engagiert.

Ein neuer Chef wird voraussichtlich kaum bis Ende des Jahres seinen Job bei Raiffeisen Schweiz antreten können. Wahrscheinlich wird die Bank bis dahin auf eine Interimslösung setzen müssen. Wie aus Raiffeisen Schweiz zu hören ist, ist es nicht ausgeschlossen, dass Patrik Gisel länger bleibt. Gisel hatte eigentlich seinen Rücktritt auf Ende Jahr angekündigt.

Décharge könnte nochmals verschoben werden

An der DV vom 10. November sollen zudem die Kernergebnisse der internen Untersuchung von Wirtschaftsprofessor Bruno Gehrig vorliegen. Gehrig untersucht die Beteiligungsnahmen Raiffeisens in der Ära von Pierin Vincenz. Der komplette Abschlussbericht wird wohl aber erst Ende des Jahres fertiggestellt werden können. Raiffeisen prüft, ob der Bericht dann veröffentlicht werden kann.

Ebenfalls ist noch nicht sicher, ob die Delegierten über die Décharge für den VR abstimmen werden. Mit Décharge-Beschluss würden sie auf Schadenersatzansprüche gegen die Verantwortlichen verzichten. Bei der vergangenen DV im Juli wurde die Décharge nicht traktandiert, weil nicht genügend Informationen über etwaige Verfehlungen vorlagen.

Und auch am 10. November könnte die Décharge erneut nicht zur Abstimmung gelangen. Denn der VR muss Ende September über die Zusammenstellung der Traktandenliste entscheiden. Bis dahin, so hört man, könnte noch nicht genügend Substanzielles aus der Gehrig-Untersuchung vorliegen.

Abstimmen werden die Delegierten allerdings über eine neue Vergütungsordnung für den Verwaltungsrat, die zurzeit mit der Beratungsgesellschaft HCM ausgearbeitet wird. Die Prüfung der Umwandlung von Raiffeisen Schweiz von einer Genossenschaft in eine Aktiengesellschaft, wie die Finanzmarktaufsicht fordert, wird Anfang des kommenden Jahres beginnen.