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Leerverkäufe bei Silber

Edelmetalle Extremer Pessimismus äussert sich in rekordhohen Short-Positionen.

Die im Vormonat begonnene Konsolidierung der Gold- und Silberpreise setzte sich im Mai fort. Eine Unze Gold kostete am Freitag noch 1254 $, Silber wurde zu 19.02 $ pro Unze gehandelt. Die westlichen Käufer von kotierten Fonds (Ex­change Traded Funds, ETF) verhielten sich sehr ruhig. Das Volumen an ausstehenden Anteilen blieb fast stabil. Die offiziellen Käufe aus Indien nehmen leicht zu. Es wird erwartet, dass die neue Regierung von Premierminister Narendra Modi das Goldimport­regime schrittweise dereguliert.

Die chinesischen Käufe sind stabil auf tieferem Niveau. Weiterhin steigt jeweils das Volumen der chinesischen Goldhandelsbörsen bei sinkenden Goldpreisen. Dies lässt sich sogar auf stündlicher Basis verfolgen. Als zum Beispiel am Nachmittag des 27. Mai mit der Eröffnung der US-Goldterminbörse die Goldpreise ins Rutschen gerieten, stieg an der Nachtbörse in Schanghai (Handelszeit 15 bis 20.30 Uhr Zürcher Zeit) das Handelsvolumen stark. Weiterhin scheint es also so zu sein, dass Gold im Westen verkauft und im Osten erworben wird. Dieser Trend war im März parallel zu höheren Preisen weniger eindeutig. Erneut steigende Prämien für physisches Gold (derzeit 4%) in Schanghai implizieren jedoch, dass der Appetit bei niedrigeren Preisen wieder am Steigen ist.

Per saldo führt das Verhalten der einzelnen Marktteilnehmer zu einer Seitwärtsbewegung der Gold- und Silberpreise. Strukturell gilt es jedoch zu bedenken, dass die Verkäufe im Westen bei seit ­Anfang Jahr recht stabilen ETF-­Beständen über Terminmärkte ­erfolgen, während die indischen Käufe vorwiegend direkt physisch und die chinesischen Erwerbungen mehrheitlich mit physischem Bezug von der Börse abgewickelt werden. Dies bedeutet, dass die Verkaufsseite eher gedeckt werden muss als die Käuferseite und damit strukturell labiler ist als die Käuferschaft.

Der im Westen herrschende Pessimismus bezüglich der weiteren Entwicklung der Preise von Gold und Silber drückt sich nirgends deutlicher aus als bei den Leerverkäufen von Silber. Die US-Terminbörsen verzeichnen die höchsten je gemessenen Short-­Positionen seit 1995. Das in einem Umfeld, in dem der vor kurzem noch grassierende Chinapessimismus abschwillt und mit Silber verwandte Basismetalle wie Kupfer und Zink seit März bereits wieder am Steigen sind. Bei Gold ist die Positionierung des Futures-Marktes weniger aussergewöhnlich. Der enge Preisverlauf zwischen Gold und Silber bedeutet jedoch, dass starke Kursbewegungen in Silber durchaus einen – allenfalls kurzfristigen – Einfluss auf Gold ausüben können.

Ein Anlass zur Schliessung der Short-Positionen lässt sich ex post jeweils schnell finden. Aufgrund der ausserordentlich hohen Interventionen staatlicher Stellen in die Finanzmärkte sind Aussagen von Vertretern der Zentralbanken wie der EZB oder des Fed dafür prädestiniert. Ein möglicher Auslöser für die Schliessung der Short-Positionen könnte die Einführung von Negativzinsen durch die EZB sein. Eine bisher unerwartete Lockerung der US-Geldpolitik im Zuge eines enttäuschenden Wirtschaftswachstums – im ersten Quartal ist das US-BIP annualisiert bereits 1% geschrumpft – könnte eine anderer Anlass sein, der die Stimmung im Gold- und Silbermarkt deutlich verändern könnte. Damit bleibt der Edel­metallmarkt spannend. Anleger sind gut beraten, sich von der schlechten Stimmung nicht anstecken zu lassen.

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