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Kapitalanlagen

Praktikus

Dass Warren Buffett ein überdurchschnittlich erfolgreicher Investor ist, ist unbestritten, auch wenn selbst er nicht von Rückschlägen und – allerdings eher seltenen – Fehlentscheiden verschont geblieben ist. Dass der Milliardär zu den reichsten Männern Amerikas zählt und seine Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway (BH) eine langfristig überdurchschnittliche Wertentwicklung aufweist, spricht Bände. Auf Buffett treffen exakt die Eigenschaften zu, von denen in der Mittwochausgabe in dieser Kolumne die Rede gewesen ist, als es darum ging, was gute Anleger auszeichnet und welches ihre Erfolgsrezepte sind: rasche Auffassungsgabe, Entschlussfreude, konsequentes, oft konträres Vorgehen.

Und so überrascht der über Achtzigjährige die Märkte immer wieder mit unerwarteten Transaktionen. Eine davon war Mitte März die Übernahme des US-Chemie- und -Schmiermittelherstellers Lubrizol für 9 Mrd. $. Offenbar hat Buffett diese Transaktion sehr rasch durchgezogen – an den Mitteln für die Akquisition fehlte es nicht. Nur kurze Zeit nachdem er den Hinweis auf diese attraktive Kaufgelegenheit erhalten hatte, befand sich Lubrizol bereits im Portefeuille der Berkshire Hathaway.

Insider aus dem Rennen

Dass das überhaupt publik wurde, hat einen besonderen Grund – und der ist für Buffett nicht erfreulich: Den Hinweis hat er von David Sokol, Top-Manager einer BH-Gesellschaft, erhalten. Wie diese Woche bekanntgeworden ist, hat Sokol zwei Monate bevor BH die Übernahme ankündigte in grösserem Umfang Lubrizol-Aktien gekauft und damit einen erklecklichen Gewinn realisiert. Sokol hatte aber nicht nur Buffett den Hinweis gegeben, sondern sich vor dem BH-Board für den Lubrizol-Kauf stark gemacht.

Diese Woche hat Sokol seinen Job quittiert – freiwillig. Nie und nimmer hätte er gedacht, dass Buffett seine Idee aufgreifen und den Deal so rasch durchziehen würde, verteidigte er sich. Ironie der Geschichte: Sokol galt als aussichtsreichster Kandidat für Buffetts Nachfolge. Mit dieser Insidertransaktion hat er sich nun selbst aus dem Rennen genommen, und vieles spricht dafür, dass Buffett noch einige Zeit länger die Anlageentscheide von BH trifft. Doch auch er wird mit der Frage konfrontiert, ob und wann er von Sokols Transaktionen gewusst hat.

Entschädigungen ganz fett

Die Diskussionen über Boni laufen nach wie vor heiss, nicht nur am Stammtisch. Es ist völlig offen, wie eine Abstimmung über die «Abzocker-Initiative» (mir fehlt zwar nach wie vor eine Definition, was ein Abzocker konkret ist, wie dieser Begriff zu definieren ist) mit oder ohne Gegenvorschlag ausfallen wird. Wenn Unternehmen verhindern wollen, dass der Staat auch in dieser Disziplin plötzlich Vorschriften erlässt, muss noch einige Überzeugungsarbeit geleistet werden. Vor allem aber erwarte ich von einzelnen Unternehmen Signale, dass der Geist der Zeit erkannt worden ist und sie Bereitschaft zur Mässigung zeigen.

Ein Beispiel, das mich erst erschüttert hat, wo ich aber anerkenne, dass eine gewisse Mässigung Einzug gehalten hat, ist Gategroup. Dieses Unternehmen beliefert Fluggesellschaften, Bahnunternehmen und Hotels mit Cateringdienstleistungen. Vor einem Jahr noch griffen der Verwaltungsrat, bestehend aus sechs Mitgliedern, und die acht Personen umfassende Geschäftsleitung kräftig zu: Die vierzehn Personen bezogen damals sage und schreibe 37,8 Mio. Fr. Allein der Geschäftsleiter kassierte 9,5 Mio. Fr. Diesmal gönnt sich das fünfköpfige VR-Gremium mit Andreas Schmid an der Spitze noch 1,3 Mio. Fr., die Geschäftsleitung 6,5 Mio. Fr., wovon 2 Mio. Fr. auf das Konto von Konzernchef Guy Dubois gehen. Alles andere als eine «Normalisierung» der horrenden Zuweisungen hätte die Aktionäre auf die Palme bringen müssen, umso mehr, als vor kurzem bekanntgeworden ist, dass die geschäftsführende Direktorin für das Nordeuropageschäft Gategroup während drei Jahren um 22 Mio. Fr. betrogen hat. Die Verantwortlichen in VR und Geschäftsleitung haben diesen Fall lange Zeit nicht bemerkt. Deshalb haben sie meiner Meinung nach die 37,8 Mio. Fr. nicht verdient, die sie sich im letzten Jahr zugeschanzt haben. Aber bislang habe ich weder von Einsicht noch von einer Teilrückzahlung etwas gehört.

Konkurrenz

Mittlerweile hat man sich daran gewöhnt, dass in den Filialen der Schweizer Post vielerlei feilgeboten wird, das nichts mit dem traditionellen Postgeschäft zu tun hat. Auto- und Velovignetten sind zu kaufen, Papeteriewaren, Bücher, Zeitschriften, Handys, PC-Toner, Taschenrechner usw. usf. Es leuchtet ein, dass die Post neue Ertragskanäle erschliessen muss, wenn wegen der wachsenden Konkurrenz des Internets immer weniger Briefe versandt werden und das Volumen der Postzahlungen stagniert. Immerhin weist die Post für 2010 einen Rekordgewinn von 910 Mio. Fr. aus, zwei Drittel davon stammen von der Postfinance (Finanzdienstleistungen). Ob sich der Verkauf von Autovignetten und Handys lohnt, kann ich nicht sagen – wohl eher nicht. Doch was soll’s: Immer mehr Unternehmen diversifizieren in fremde Aktivitäten, um zusätzlichen Ertrag zu schaffen. So bieten ausgewählte Kioske der Valora-Gruppe Lebensversicherungspolicen an. Auch das kann kaum jemanden erschüttern.

Selbst die Banken mögen nicht auf Ertrag aus bankfremden Aktivitäten verzichten. Einigermassen verblüfft war ich vergangene Woche, als ich das Couvert mit der neuesten Ausgabe des Credit-Suisse-Kundenmagazins «Bulletin» öffnete. Was enthielt das wie immer gut gemachte, mit vielen lesenswerten Texten versehene Hochglanzprodukt? Profane Werbung war beigelegt, wie man das von einem Printprodukt der Schweizer Medien, nicht aber von einer Bankpublikation erwarten würde – Werbung für Gartenmöbel und Textilien. Im Heft waren Anzeigen geschaltet, exakt wie in einem Bezahlprodukt der Medien. Hat Credit Suisse das nötig, habe ich mich gefragt. Ist sie wirklich auf diese Zusatzeinnahmen angewiesen? Macht es Sinn, dass just die Banken die Printmedien konkurrenzieren, die unter schrumpfenden Inserateinnahmen leiden?

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