Paris pflegt nur mit Rom eine Städtepartnerschaft. Das sagt bereits das Wesentliche aus über das Selbstverständnis von Paris – und Frankreich.

Rom war Europas Metropole der Antike, Paris war diejenige der Neuzeit. Wenigstens wenn das Umfeld dazugerechnet wird: namentlich Versailles. Ab 1682 residierte dort der absolutistische Monarch Louis XIV. Frankreich war nach dem Ende des Dreissigjährigen Krieges, 1648, zur entscheidenden Grösse auf dem Kontinent avanciert. Louis, der seinen straff zentralistisch organisierten Staat höchstpersönlich regierte – und zwar mit ausserordentlichem Geschick –, betrieb eine aggressive Aussenpolitik und vergrösserte das Territorium Frankreichs wesentlich, besonders nach Osten und Norden.

Noch bedeutender als die politisch-militärische Überlegenheit war die schiere Hegemonie der französischen (sprich der höfischen Versailler) Kultur in ganz Europa. Die Prachtentfaltung am Hofe des Sonnenkönigs beeindruckte die Fürstenhäuser auf dem ganzen Kontinent. Was aus Versailles kam, war stilbildend und wurde rundum imitiert. Zur anekdotischen Evidenz: Friedrich der Grosse von Preussen, kaum geboren, als Louis starb, sprach zeitlebens vorzugsweise französisch (deutsch nur mit den Pferden, wie er gesagt haben soll). Die russische Noblesse parlierte französisch, zu lesen bei Tolstoi. Die Schlussakte des Wiener Kongresses von 1815, die Europa nach den napoleonischen Kriegen neu verfasste, war in französischer Sprache verfasst. Frankreich hatte nur auf dem Schlachtfeld verloren.

Apropos Napoleon: Die epochale Bedeutung der Französischen Revolution von 1789 bis 1799 für ganz Europa bedarf keiner weiteren Ausführungen. Brennpunkt dieser umstürzenden Ereignisse war Paris. Am 14. Juli 1789 stürmte das Volk die Bastille, am 26. August verkündete die Nationalversammlung in Versailles die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte. Auch wenn die Revolution in blanken Imperialismus und am Ende in Restauration umschlug: Der Geist, derjenige von Paris, war aus der Flasche.

Versailles war abermals ein Schicksalsort anno 1871, nach der Niederlage Frankreichs im deutsch-französischen Krieg. Preussenkönig Wilhelm wurde, auf Kanzler Bismarcks Betreiben, im Spiegelsaal des Schlosses zum deutschen Kaiser ausgerufen. Das deutsche Kaiserreich wurde in gewissem Sinn daselbst (die Franzosen wählten den Ort mit Bedacht) zu Grabe getragen: im Versailler Vertrag von 1919; vier weitere in Pariser Vororten signierte Abkommen legten die explosive Nachkriegsordnung fest.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Sieger etwas weiser. 1954 wurde die junge westdeutsche Bundesrepublik in die Souveränität entlassen und danach in die westliche Bündnisstruktur eingegliedert. Die Nato hatte ihr Hauptquartier damals noch in Paris. 1963 beendete der deutsch-französische Freundschaftsvertrag, signiert in Paris (gewiss nicht im provinziellen Bonn), die chronische Feindschaft endgültig, zum Segen Europas. Fünf Jahre später rebellierten in Paris die Studenten, anderswo bald danach. Mit den Folgen von «’68» lebt Europa heute noch.

Mit der Pariser Hegemonie über den Kontinent ist es schon lange vorbei, was dem französischen Establishment durchaus Phantomschmerzen bereitet. Immerhin darf es sich mit dem Gedanken trösten: Paris ist und bleibt eine Weltstadt. Die Einzige ihres Kalibers auf dem europäischen Festland.