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Insiderdelikte: Komplexe Verfahren, kaputte Reputationen

Die Dunkelziffer bei Insidervergehen ist hoch. Die wenigen Fälle, die öffentlich werden, sind spektakulär und sollten Nachahmer abschrecken.

Nur wenige Insiderfälle schaffen es an die Öffentlichkeit. Angesichts knapp aufgestellter Aufsichtsorgane und der hohen Komplexität vieler Fälle dürfte sich das auch nicht so bald ändern. Doch die wenigen, die öffentlich werden, haben es in sich. Zuletzt musste ein prominenter Buchprüfer erfahren, dass der Missbrauch von Insiderwissen ein ernstes Delikt ist.

Es handelt sich um den Bankenrevisor Daniel Senn, ehemaliger Partner und Mitglied der Geschäftsleitung bei der Prüfgesellschaft KPMG. Unter Buchprüfern und Bankenchefs war Daniel Senn eine grosse Nummer. Nun sprach ihn Anfang August das Bundesstrafgericht in Bellinzona wegen eines Insiderdelikts schuldig.

Heikle Übernahmen

Der Fall, der Senn zu Fall brachte, steht in Zusammenhang mit der Übernahme der Privatbank Sarasin im Jahr 2011. Senn soll sein Wissen als Insider genutzt haben, dass die Bank Julius Bär (BAER 34.41 -1.32%) an einer Übernahme von Sarasin interessiert sein könnte. So deckte er sich mit Sarasin-Aktien ein. Als die Bär-Gelüste öffentlich wurden, schoss der Kurs der Sarasin-Papiere in die Höhe, Senn verdiente rund 29 000 Fr. am Kursanstieg. Durch Umbuchung auf die Konten seiner Kinder versuchte er, die Transaktion zu verbergen.

Die Richter haben Senn zu einer bedingten Geldstrafe von 68 800 Fr. und einer Busse von 5000 Fr. verurteilt. Zudem sieht er sich mit einer Ersatzforderung von rund 29 000 Fr. – entsprechend dem unzulässigen Buchgewinn – konfrontiert. Senn ist kein unbeschriebenes Blatt. Er war in Zusammenhang mit der Affäre um den ehemaligen SNB-Präsidenten Philipp Hildebrand eine auch politisch umstrittene Figur. Seinen Job als Leiter der Bankenrevision bei KPMG ist Senn schon seit 2013 los. Den Reputationsschaden trägt die Prüfgesellschaft bis heute.

Ein Insiderfall, der für noch mehr Schlagzeilen gesorgt hat, ist die Affäre um den Berater und so genannten «Sanierer der Nation» Hans Ziegler. Er wurde mitunter bei der Erb-Gruppe, OC Oerlikon (OERL 6.99 +0.22%) oder Charles Vögele als Sanierer eingesetzt – mit gemischtem Erfolg. Zuletzt war er Verwaltungsrat von Schmolz + Bickenbach, OC Oerlikon und dem deutschen Robotik-Spezialisten Kuka (KU2 35.50 -0.28%).

Ziegler ging wenig zimperlich vor. Er soll in den Jahren 2013 bis 2016 wiederholt und systematisch Insiderwissen missbraucht haben, um mit eigenem Geld über ein Trading-Konto auf Kursbewegungen zu spekulieren. Die Finma verfügte im Juni 2017 für unrechtmässig erzielte Gewinne die Rückzahlung von 1,4 Mio. Fr. Ziegler wehrte sich dagegen beim Bundesverwaltungsgericht. Dieses bestätigte im Juli die Vorwürfe der Finma, reduzierte den einzuziehenden Gewinn aber von 1,4 Mio. auf 1,27 Mio. Fr. Aus dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts geht hervor, dass Ziegler dank einem Kontakt mit einer «Beratungsgesellschaft» informiert gewesen sei, wann bei welchen Unternehmen eine Übernahme bevorstand. Entsprechend soll er sich über Aktien- und Derivatekäufe positioniert und Gewinne von total 1,27 Mio. Fr. eingestrichen haben. Mit diesem Vorgehen könnte Ziegler im Vorfeld der Übernahmen von Actelion, Gategroup und Micronas profitiert haben.

Verhängnisvolle Micronas

Die Übernahme des Chipherstellers Micronas durch den japanischen Tech-Riesen TDK wurde auch seinem ehemaligen CEO, Matthias Bopp, zum Verhängnis. Gemäss einem Strafbefehl der Bundesanwaltschaft wurde Bopp wegen eines Insiderdelikts zu einer bedingten Geldstrafe und einer Busse von 74 350 Fr. verurteilt. Der Fall wurde vom Justiz-Newsletter Gothamcity.ch öffentlich gemacht. Am
16. Juli 2015 habe der Verwaltungsrat von Micronas Bopp informiert, dass TDK Ende des Monats ein Übernahmeangebot für Micronas unterbreiten würde. Am 24. Juli 2015 soll Bopp Micronas-Aktien gekauft und einen Gewinn von rund 64 000 Fr. gemacht haben. Im Sommer 2017 verliess Bopp das Unternehmen.

Volatile Asmallworld

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Kleinstunternehmen stärkeren Kursschwankungen ausgesetzt sind als grössere. Doch die äusserst hohe Volatilität in den Aktien des sozialen Netzwerks für Reiche, Asmallworld (ASWN 1.85 -2.63%) (Börsenwert: 56 Mio. Fr.), war schon kurz nach Listing im März auffällig. Die Aktien verdoppelten bis Ende April ihren Wert – ohne relevante Unternehmensnachrichten. Allerdings hatte eine Kaufempfehlung mit irreführenden Informationen die Runde gemacht. Dann leitete die deutsche Börsenaufsicht Bafin eine Untersuchung wegen Marktmanipulation ein, woraufhin die Aktien abstürzten (vgl. Chart). Seit Mitte August hat sich der Wert der Titel wieder verdoppelt. CEO Jan Luescher sagt auf Anfrage der FuW, bei diesem tiefen Preis seien vermehrt institutionelle Investoren interessiert. Auch Deckungskäufe von Leerverkäufern würden den Aktien Auftrieb geben. Anfragen seitens SIX, Finma oder Bundesanwaltschaft habe es keine gegeben. Derweil soll Hauptaktionär Patrick Liotard-Vogt seine Position ausgebaut haben.


Santhera bleibt still

Zum Biotech-Unternehmen Santhera (SANN 8.09 +1.63%) ist ein Gerichtsverfahren wegen Insiderhandel hängig. Ein externer IT-Berater wird beschuldigt, mit einem Studienkollegen als Tippnehmer im Mai 2014 vertrauliche Informationen zu positiven Studienresultaten ausgenutzt zu haben. Das Bundesstrafgericht sprach die Angeklagten im Juni 2017 frei. Der Fall ist ans Bundesgericht weitergezogen worden.

Zudem gingen am 24. Januar dieses Jahres an der Börse auffällig grosse Verkaufsaufträge für Santhera-Aktien ein, der Handel mit den Titeln wurde zeitweise ausgesetzt. Eine halbe Stunde später meldete Santhera, dass sie am Vortag eine Anhörung bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur gehabt habe und einen negativen Entscheid zu einem Medikament erwarte. Die auffälligen Aktienverkäufe begründen den Verdacht, dass Insider einen Wissensvorsprung zu nutzen versuchten, um vor dem effektiven Entscheid der Zulassungsbehörde noch Positionen abzustossen. Weder Santhera noch die Finanzmarktsaufsicht oder die Schweizer Börse wollen sich zu dem Fall äussern. (VA)


Von Roll auffällig

Kurz bevor beim Industrieunternehmen Von Roll (ROL 0.54 -2.55%) etwas von Bedeutung geschieht, kommt es öfter zu auffälligen Bewegungen in den Aktien des Small Cap. So Anfang April 2017, als das Handelsvolumen der Titel plötzlich auf das Vierfache des sonst üblichen zunahm und Von Roll hernach für viele überraschend nach über vier Jahren wieder ein positives Quartalsergebnis präsentierte.

Ein ähnliches Spiel wiederholte sich im August dieses Jahres, bevor Von Roll einen guten Semesterausweis publizierte. Allerdings sank der Kurs dieses Mal, was weniger auf Insidertransaktionen schliessen lässt. Das Unternehmen teilt auf Anfrage denn auch mit: «Die angesprochenen Handelsaktivitäten mögen zwar relativ gesehen sehr volatil erscheinen.» Absolut betrachtet und angesichts des geringen Anteils an Aktien, die sich effektiv im Publikum befinden, seien diese Bewegungen der Von-Roll-Titel «gerade vor der offiziellen Veröffentlichung der Geschäftszahlen jedoch nicht ungewöhnlich». Anhaltspunkte für Insiderhandel würden dem Unternehmen nicht vorliegen. (VA)