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Hot Corner: Resistenzen im Visier

Biotest stellt auf Basis von menschlichem Blutplasma Medikamente zum Kampf gegen antibiotikaresitente Bakterien her. Die relative Mortalität kann so um ein Drittel verringert werden.

Adrian Blum

Wer heutzutage im Spital landet, muss sich fast mehr vor resistenten Bakterien fürchten als vor seiner Krankheit oder der Operation. Antibiotikaresistenzen kommen weltweit immer häufiger vor. Die Bösewichte können bei geschwächten oder frisch operierten Patienten zu lebensbedrohlichen Entzündungen führen. Die Infektionen verlängern den Spitalaufenthalt, erhöhen die Kosten und die Sterberate. Abhilfe zu einem gewissen Grad verspricht Biotest (Frankfurt: BIO3 GY, 13.12 €, Marktkapitalisierung 574 Mio. €). Gemäss Unternehmensangaben verringert eine ergänzende Therapie mit ihrem Produkt Pentaglobin bei Infektionen mit einer Resistenz gegen Antibiotika die relative Mortalität um ein Drittel.

Biotest stellt auf Basis menschlichen Blutplasmas Immunglobuline, Gerinnungsfaktoren und Albumine her, die bei Erkrankungen des Immunsystems oder des Blutsystems sowie in der Notfallmedizin zum Einsatz kommen. Ausgangsstoff für Plasmaproteinprodukte – Biotest gehört zu den weltweit sechs grössten Herstellern – ist menschliches Blutplasma. Biotest gewinnt es über Plasmapherese in zahlreichen Sammelzentren in Europa und in den USA.

Strategiewechsel

Darüber hinaus entwickelt Biotest nach biotechnologischen Verfahren monoklonale Antikörper, unter anderem in den Indikationen Rheumatoide Arthritis und Blutkrebs. Derzeit vollzieht Biotest allerdings eine strategische Anpassung: Sie konzentriert sich auf Plasmaproteine, der Bereich für monoklonale Antikörper wird zurückgefahren.

Im vergangenen Jahr erlitt Biotest einige Rückschläge. Die klinische Entwicklung eines monoklonalen Antikörpers erreichte die Ziele nicht. Der Umsatz eines anderen Medikaments lief schlechter als gedacht, und die Aussichten eines Forschungsprodukts verschlechterten sich. Es kam zu hohen Abschreibungen von insgesamt 84 Mio. €. Mit 590 Mio. € Umsatz ergab sich so ein Jahresverlust von 83 Mio. €. Der operative Cashflow allerdings erhöhte sich, und die finanzielle Situation ist mit einer Eigenmittelquote von 43% solide.

Am Donnerstag verloren die Aktien wegen der überraschenden Meldung, Biotest habe nachträglich Steuerbescheide (für 2005 bis 2008) erhalten. Im Zusammenhang mit dem Russland-Geschäft ergäben sich zusätzliche Steuer- und Zinsforderungen von 20 Mio. €. Das Unternehmen will sich gerichtlich wehren. Die allfällige Belastung hat einmaligen Charakter, an den operativen Aussichten ändert sich nichts.

Turnaround-Charakter

Die Aktien, enthalten im Nebenwerteindex SDax, litten unter den verschiedenen Rückschlägen. Die Kurserholung war bisher verhalten. 2016 und 2017 dürfte sich die Gewinnmarge bei leichtem Umsatzwachstum in Richtung früherer Werte verbessern. Auf Basis der Analystenschätzungen (Bloomberg) für 2017 erreicht das Kurs-Gewinn-Verhältnis 22. Der eher hohe Wert zeigt den Turnaround-Charakter. Erst mit Blick auf 2018 sinkt das KGV.

Andere Bewertungskennzahlen zeigen jetzt schon günstigere Werte (geschätzt für 2017): Der Unternehmenswert gemessen am Umsatz (1,2) und am Ebitda (8,3) ist im Branchenvergleich jeweils niedrig. Das tiefe Kurs-Buchwert-Verhältnis von 1,2 verspricht einen gewissen Schutz vor Kurseinbrüchen.

Leser-Kommentare

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Dominic Altermatt 04.08.2016 - 21:36

Sehr geehrter Herr Blum

Besten Dank für Ihren interessanten Artikel. Ich habe gesehen, dass es 2 verschiedene Biotest Aktien gibt: eine mit dem Kürzel “BIO” und Kurs 16 EUR und eine mit dem Kürzel BIO3 und Kurs 13 EUR. Wissen Sie was der Unterschied ist und welche der Beiden halten Sie für die bessere Wahl?

Besten Dank für Ihre Rückmeldung.

Freundliche Grüsse

D. Altermatt