Ist Eleganz universell? Das französische Lexikon Larousse definiert Eleganz als «Qualität einer Person, die sich durch Geschmack, Wahl der Kleidung und Anmut der Manieren auszeichnet». Was natürlich den sofortigen Einwand hervorruft, dass Geschmack auch von Kultur und Geografie beeinflusst wird.

Um diese Frage zu beantworten, lud Cartier elegante Menschen aus aller Welt nach Florenz. Parallel zur grandiosen Männermodeshow Pitti Uomo versammelte das französische Nobelhaus im prächtigen Renaissancerahmen des Palazzo Gondi die für den Anlass als «Drive Men» betitelten Herren.

Die Bezeichnung bezieht sich auf das jüngste Uhrenmodell «Drive de Cartier», das dieses Jahr lanciert wurde. Gewählt wurden diese Botschafter wegen ihrer Eleganz, die das französische Luxusunternehmen seit je unübertrefflich verkörpert.

Für uns eine hervorragende Gelegenheit, Kenner in Sachen Stil zum Thema zu befragen.

Sergio Colantuoni, berühmter italienischer Dekorateur, der für Cartier den Palazzo Gondi gestylt hatte, zitiert eine Aussage von Caruso, der er von Herzen zustimmt: «In Bezug auf Menswear machen Sie es wie die Italiener.» Der Ton ist somit gegeben. Für Sergio ist Eleganz der raffinierte Mix von Qualitätskleidung und variantenreichen Accessoires. Wobei der eigentliche Charme immer und ausschliesslich von innen kommt.

Welcher Stil ist richtig?

Die Diskussion ist lanciert und verspricht die Gemüter zu erhitzen. Denn in Sachen Herrenmode betrachten sich sowohl die Italiener als auch die Engländer als Gralshüter. Patrick Grant, Untertan Ihrer Majestät, sieht keinen Grund für Diplomatie.

Für ihn sind es die Engländer, die den Herrenanzug erfunden haben und somit die Urheberrolle beanspruchen. Er weiss, wovon er spricht, denn er ist Fashion Designer und Couturier an der legendären Savile Road, ausserdem Co-Animator einer Reality Show, in der die Teilnehmer ihre Talente als Stylisten beweisen müssen.

Keine Frage: Der perfekte Gentleman trägt ausschliesslich perfekt geschnittene Kleidung, die ihm die Eleganz verleiht, die den Kenner auszeichnet. Mit anderen Worten: Die Italiener sind zu schrill.

Kontrastreiche Eleganz

Wenig zurückhaltend geben sich auch die andern Anwesenden. Etwa der Vertreter aus der Schweiz, Nicolas Le Moigne, renommierter Designer und Direktor der Abteilung Master Luxe der ECAL (Hochschule für Kunst und Design Lausanne). Er bedauert, dass die Schweizer wenig risikofreudig sind, auf Extravaganz wird gerne mit dem Finger gezeigt. Er mag Kleider und legt das Augenmerk vor allem auf das Detail. Dieses diskrete Streben nach Raffinesse gefällt ihm. «Kenner bemerken es sofort», sagt er.

Auf der anderen Seite des Spektrums treffen wir auf Mandla Sibeko aus Südafrika. Mit seiner ruhigen, klaren Sprache und der rassigen Silhouette verkörpert Mandla eine andere Eleganz. Die Ellbogen des Jacketts sind mit bunten afrikanischen Perlen verziert, die perfekt mit dem hellen Sommeranzug mit blauem Hemd und Einstecktuch harmonieren. Viel Understatement mit dem gewissen Etwas.

Der Südafrikaner leitet die grösste Kunstmesse des Kontinents und wurde kürzlich vom New Yorker «GQ Magazine» zu einem der zehn bestgestylten Männer Afrikas erkoren. Er erzählt, dass es selbst in den dunkelsten Stunden der Apartheid zur südafrikanischen Kultur gehörte, sich gepflegt, fröhlich und bunt zu kleiden.

Ein ungewöhnliches Grüppchen tut sich zusammen: Zwei deutsche Schauspieler gesellen sich zum Thailänder Saharat Sankapricha, der in seiner Heimat als Leinwandgrösse, Sänger und Gitarrist gottähnlich verehrt wird.

Max von Thun ergreift das Wort: Er hat seinen Sinn für Stil von seinem Grossvater geerbt, einem tschechischen Grafen, der vor dem Kommunismus geflohen war. Gross, schlank, langer Hals, nonchalant, verkörpert Max die alte europäische Schule. Er ist auch überzeugt, dass Ausstrahlung eine Herzensangelegenheit ist. Eine Aussage, die Saharat in Verlegenheit bringt, denn in Thailand ist es der König, der männliche Eleganz verkörpert.

Mit der Ankunft von Edgar Ramirez, Typ Latin Lover, wird die Diskussion ein Grad hitziger. Der in ganz Südamerika verehrte Schauspieler aus Venezuela ist der Prototyp eines Machos: umwerfendes Lächeln, mysteriöser Blick und unzählige Pressedamen, die sich um sein Image kümmern.

Sein Credo: Das richtige Kleidungstück im richtigen Moment ist die Gewähr, dass man sich entspannt und wohl fühlt. Sein Gegenspieler ist der Australier Chris Edwards, Engelsgesicht, langes Haar, wie aus einem Renaissancewerk der benachbarten Uffizien entsprungen.

Edwards trägt die Gegensätze der Neuen Welt in sich. Es ist Surfer und Schneider in einem und hat den Ehrgeiz, seine Leute zum Tragen perfekt geschneiderter Anzüge zu erziehen.

Und wie steht es mit dem französischen Chic? Der Produzent Bertrand Burgalat, der unter anderem für den Songwriter und Sänger Etienne Daho und die Synthie-Pop-Gruppe Depeche Mode gearbeitet hat und mit der Modedesignerin Vanessa Seward verheiratet ist, vertritt eine Überzeugung, die von der italienischen Vision nicht weit entfernt ist.

Er bezieht sich auf Schauspieler wie Alain Delon, Lino Ventura und Jean Gabin. Sie trugen Massgeschneidertes und strahlten gleichzeitig eine unglaubliche Lässigkeit aus. Eleganz war nicht ihr Ziel, sondern die Folge ihres Wesens.

Heute beobachte man einen Trend zum überzeichneten Dandytum. Wobei man sich bewusst sein müsse, dass echter Stil weder eine Frage der Wahl noch des Diktats sei. Schliesslich gelingt es Sean Lee Davis, die Geister zu versöhnen.

Halb Chinese, halb Engländer, Journalist und Umweltschützer, kommt er mit seiner doppelten Kultur bestens zurecht. Er meint, dass nach der grellen, auffälligen Phase die Chinesen zu einer westlichen, weniger protzigen Vision gefunden haben und sich vermehrt am englischen Stil orientieren. Er bezeichnet dies als «Stealth Luxury».

Getarnter, diskreter Luxus also, oder eine Eleganz, die in Zukunft zu einem globalen, universellen Wert werden könnte.