Meyer Burger (MBTN 0.4370 +4.90%), Arbonia (ARBN 18.56 +1.87%), Schmolz + Bickenbach, Kardex (KARN 216.00 +0.23%) – vier Unternehmen, vier Sanierungsfälle, eine Gemeinsamkeit: Alle mussten zuerst ihr Kapitalpolster stärken, um daraufhin den operativen Turnaround einleiten zu können.

Jüngst ist es der Solarzulieferer Meyer Burger, der nach einer massiven Kapitalerhöhung, mit neuer Führungsspitze und dem Eintritt neuer Investoren versucht, die Weichen für eine bessere Zukunft zu stellen.

Die bewegte Geschichte von Meyer Burger erinnert an andere Turnaround-Situationen vergangener Jahre, etwa des Bauzulieferers Arbonia, des Spezialstahlherstellers Schmolz + Bickenbach (S+B) und des Lagerlogistikers Kardex. Auch sie waren wegen schlechten Geschäftsgangs und hoher Schulden in ihrer Existenz bedroht und suchten das Heil in Kapitalmassnahmen. Die Transformation ist jeweils heikel.

Verschiedene Interessen- und Gläubigergruppen reden mit und sind zu berücksichtigen. Dem Lagerlogistiker Kardex ist das Kunststück schnell und effektiv gelungen. Auch Arbonia und S+B sind auf gutem Weg, den Turnaround zu schaffen. Beim jüngsten Kandidaten, Meyer Burger, muss sich noch weisen, ob die Besserung ansteht oder der Niedergang nur hinausgezögert worden ist.

Lesen Sie hier mehr:
» AFG Arbonia-Forster
» Kardex
» Schmolz + Bickenbach

 

Arbonia: Voll in die Offensive

AFG Arbonia-Forster, mittlerweile in Arbonia umfirmiert, leidet ab 2008 unter ungeschickter Diversifikation und hoher Kostenbasis. Der Bauzulieferer muss Jahr für Jahr zahlreiche Bereiche abstossen, wie Transport/Logistik, Kühltechnik, Beschichtungen, und das Küchengeschäft. Dann bereitet ab 2014 auch das Fenstergeschäft Probleme. Die Lage spitzt sich zu. Die Nettoverschuldung ist im Verhältnis zur Ertragskraft viel zu hoch, Ende 2014 entspricht sie dem 2,8-Fachen des Ebitda (Betriebsgewinn vor Abschreibungen und Amortisation), Ende Juni 2015 sind es 3,3. Noch schwerer wiegt, dass die Bilanz einen hohen Goodwill enthält. Und im Mai 2016 steht die Refinanzierung einer Anleihe über 200 Mio. Fr. an.

Die Wende beginnt Ende 2014: Edgar Oehler – Ex-Patron und ehemaliger VR-Präsident – veräussert sein Aktienpaket an Michael Pieper. Der Investor und Unternehmer hält zunächst 20%. Neuer Chef ist Alexander von Witzleben, ein Vertrauter von Pieper. Sie wählen die Radikalkur. Es kommt zu hohen Wertberichtigungen. Es gibt keine andere Lösung als die Aufnahme von viel Kapital: Auf fünf alte Aktien kommen sieben neue. Der Bruttoemissionserlös erreicht gut 207 Mio. Fr.

Die Mittel dienen sowohl dem Schuldenabbau und als auch der Finanzierung einer strategischen Offensive. In einem kühnen Plan wird im Fenstergeschäft die Produktion ins Ausland verlagert und gleichzeitig der deutsche Hersteller Wertbau übernommen und so die Marktposition entscheidend verbessert. Ausserdem stehen in den übrigen Bereichen und in der Zentrale Restrukturierungen und Sparmassnahmen an.

Im Herbst 2016 nimmt Arbonia nochmals frisches Kapital auf, zwecks Finanzierung von Akquisitionen: Der Kauf der Koralle-Gruppe von Geberit (GEBN 575.00 -0.35%) stärkt das Sanitärgeschäft. Mehr ins Gewicht fällt Ende 2016 der Erwerb der Looser mit einem Unternehmenswert von gut 500 Mio. Fr. Der Kauf bringt Arbonia eine sehr gute Position im Türengeschäft. Mittlerweile hält der Gebäudezulieferer in allen relevanten Regionen führende Marktpositionen. Das Geschäft umfasst Heiztechnik, Klima-/Lüftungstechnik, Sanitär, Fenster, Türen und Profilsysteme.

2018 will Arbonia mit rund 1,4 Mrd. Fr. Umsatz einen Ebitda von mehr als 150 Mio. Fr. erzielen. Das Management stellt einen substanziellen freien Cashflow in Aussicht, der es erlaubt, für 2018 wieder eine Dividende auszuschütten. Die finanzielle Sanierung ist gelungen, die strategischen Massnahmen entfalten ihre Wirkung. Etwas Glück hat Arbonia, denn der Baumarkt in Deutschland erlebt gerade einen Boom. Nun steht noch die Devestition des Beschichtungsgeschäfts an. Dazu will Arbonia bald mit Neuigkeiten aufwarten. (BA)

 

Kardex: Reif für das Lehrbuch

Das Unheil beginnt 2009. Kardex büsst konjunkturbedingt ein Viertel Umsatz ein und schreibt nur ganz knapp Gewinn. Im Jahr darauf verschluckt sich das Lagerlogistikunternehmen, als es die deutsche Mlog für 30 Mio. € übernimmt. Mlog erfüllt die Erwartungen in keiner Weise, Kardex weist per Ende Jahr bereits auf Stufe Betriebsergebnis einen Verlust aus. Die Bilanz wird strapaziert, der Eigenkapitalanteil sinkt auf bedrohliche 14%, die Nettoschulden steigen auf 43 Mio. €, der Verschuldungsgrad ist unakzeptabel hoch.

2011 verschärft sich die Lage. Der Aktienkurs sinkt und sinkt. Philipp Buhofer, mit einem Kapitalanteil von rund 20% seit 2004 Hauptaktionär und im Verwaltungsrat vertreten, reisst das Heft an sich.

Er übernimmt das VR-Präsidium und etabliert ein dreiköpfiges Exekutivkomitee unter seiner Leitung mit dem erfahrenen Manager Felix Thöni und Finanzchef Gerhard Mahrle. Strategische und operative Führung liegen nun in einer Hand. Das ermöglicht rasche und dezidierte Entscheide. «Kardex hat kein grundsätzliches strategisches Problem, sondern Mängel in der Umsetzung», konstatiert Buhofer in einem Interview in «Finanz und Wirtschaft». Die Kosten seien zu hoch, und Kardex müsse sich mehr fokussieren.

Mit einer Kapitalerhöhung wird die Bilanz ins Lot gebracht. Der Hauptaktionär zieht mit. Die Aktien werden zu 14.50 Fr. ausgegeben, dem Unternehmen fliessen 30 Mio. Fr. zu. Das frische Geld soll auch für Wachstumsprojekte eingesetzt werden. Die operative Wende lässt nicht lange auf sich warten. Das Misstrauen der Investoren bleibt allerdings gross: Ende 2011 notieren die Aktien von Kardex gerade knapp 11 Fr. Das Unternehmen ist bloss noch um 80 Mio. Fr. wert.

Das darauffolgende Jahr, 2012, markiert schon fast Normalität. Thöni übernimmt als Delegierter des Verwaltungsrats die operative Verantwortung. Zum Jahresende weist Kardex eine solide Gewinnrendite von 4,4% und einen freien Cashflow von 28 Mio.€ aus. Die Eigenkapitalquote hat mit 36% die Zielmarke von 40% fast erreicht. Unter der Leitung von Thöni verfolgt Kardex den Weg zur völligen Gesundung unspektakulär, aber beharrlich weiter.

Der schwache Euro und der Trend zu mehr Automation in Industrie und Handel helfen. 2013 spült der Verkauf der Division Stow 77 Mio. € in die Kasse, Mlog schreibt nach einer Neuausrichtung erstmals seit der Übernahme einen Betriebsgewinn. Heute erzielt Kardex eine prozentual zweistellige Betriebsgewinnmarge, der Eigenkapitalanteil ist auf 60% gestiegen, und in der Bilanz schlummern mehr als 100 Mio. € Nettoliquidität. Das Unternehmen bringt nunmehr 760 Mio. Fr. auf die Waage. (AS)

 

S+B: Gerade noch gutgegangen

Für Schmolz + Bickenbach sind 2012 und 2013 Schicksalsjahre. Der Hersteller von Speziallangstahl steht finanziell mit dem Rücken zur Wand. Das Verhältnis der Nettoschulden zum operativen Ergebnis vor Abschreibungen und Amortisationen (Ebitda) beträgt mehr als 7, und zum Eigenkapital erreicht es 143%.

Die Banken spielen nicht mehr mit, zumal nicht nur finanziell, sondern auch operativ keine Entspannung in Sicht ist. Mangels operativer Effizienz und wegen hoher Kostenbasis hat S+B keine Chance, aus eigener Kraft dem Teufelskreis zu entrinnen, und vom Branchenumfeld ist keine Hilfe zu erwarten.

Die Erbengesellschaft von Schmolz + Bickenbach, die rund 40% des Kapitals hält, ist nicht willens respektive fähig, frisches Kapital einzuschiessen, und treibt als neuen Investor den Russen Victor Vekselberg auf. Verwaltungsrat und Publikumsaktionäre führen gemeinsam einen erbitterten Abwehrkampf.

Doch im Herbst 2013 setzt sich das Bündnis aus den Erben und dem Russen durch. Der Verwaltungsrat wird erneuert, und es kommt zu einer massiven Kapitalerhöhung, bei der sich die Anzahl Aktien um den rekordverdächtig hohen Faktor acht erhöht. Nach der Transaktion hält die Erbengesellschaft 15% und Vekselberg gut 25% des Kapitals.

Mit den Mitteln aus der Kapitalerhöhung von brutto 438 Mio. Fr. baut S+B das Fremdkapital ab. Der Finanzaufwand verringert sich. Anfang 2014 geht der CEO, später auch der Finanzchef, der lange Zeit die einzige Konstante im Unternehmen war.

Eine Bereinigung des Portfolios – der  Verkauf des kaum profitablen und strategisch irrelevanten internationalen Handelsgeschäfts – reduziert später das gebundene Kapital. Weitere Massnahmen, um die operative Effizienz zu steigern und die Kosten zu senken, nimmt S+B 2014 bis 2016 in Angriff. Der Frankenschock Anfang 2015 und niedrige Stahlpreise schaffen nochmals Probleme.

Im Herbst 2016 korrigiert das Management die Jahresprognosen etwas nach unten, unter dem Strich gibt es erneut einen Verlust. Niedrige Stahlpreise und schwache Nachfrage aus der Abnehmerindustrie Öl und Gas lasten auf der Marge. Immerhin läuft die Abnehmergruppe Autoindustrie rund, und der Maschinenbau hält sich stabil.

Langsam, aber sicher werden Erfolge sichtbar. Die finanziellen Mittelfristziele lauten: ein Verhältnis von Nettoschulden zu Ebitda von unter 2,5 und eine bereinigte Ebitda-Marge von mehr als 8% im Schnitt über den Zyklus hinweg. Vor allem Letzteres ist ehrgeizig. 2017 dürfte S+B die Gewinnschwelle überschreiten. Die finanzielle Basis ist nicht luxuriös, aber bis auf Weiteres ausreichend. Der Hersteller von Speziallangstahl ist derzeit noch auf Rückenwind des Marktes angewiesen. (BA)