Zum Thema: Wie die Welt ihre Überschuldung loswird

Die globale Schuldenlast wächst und wächst

Nur für kurze Zeit wurden die Verbindlichkeiten nach der Finanzkrise abgebaut. Seit 2011 zeigt der Schuldentrend wieder steil nach oben.

Noch nie war der globale Schuldenberg so hoch wie jetzt. Inzwischen summieren sich die Verbindlichkeiten von Staat, privaten Haushalten und Unternehmen – ohne Finanzsektor – auf 225% der weltweiten Wirtschaftsleistung.Die kurze Phase des Abbaus, die zwischen 2009 und 2011 zu erkennen war, erwies sich lediglich als Strohfeuer. Denn seither zeigt der Trend wieder steil nach oben.

Die hohe Verschuldung verschärft dabei nicht nur das Risiko von Finanzkrisen und lastet auf der künftigen Konsum- und Investitionsneigung. Sie wirft auch die Frage auf, wie die Welt überhaupt geordnet aus dem Schlamassel herausfinden kann.

Kein einheitlicher Trend

Nicht alle Regionen befinden sich im Schuldenzyklus freilich an derselben Stelle: Bis zur Finanzkrise 2008/09 war es primär der private Sektor in den Industriestaaten, der – begünstigt durch den leichten Kreditzugang – die globalen Verbindlichkeiten in die Höhe trieb. Allein zwischen 2002 und 2009 nahm seine Verschuldung im Vergleich zum Bruttoinlandprodukt (BIP) um rund 50 Prozentpunkte zu.

Trotz der Beteuerungen, die Last reduzieren zu wollen, hat sich der Aufwärtstrend in den Industrieländern auch nach der Finanzkrise fortgesetzt. Der Zuwachs verlagerte sich dabei allerdings vermehrt auf die staatliche Ebene. Zu diesem Wandel trugen nicht nur erhöhte Ausgaben für Konjunkturstützungsprogramme bei. Vor allem über Bankenrettungen wurden zudem Verbindlichkeiten aus dem Privatsektor in die Staatsbilanzen transferiert. In einigen Industrieländern haben sich die Privatschulden selbst über die letzten Jahre noch erhöht – besonders augenscheinlich in Australien, Kanada und Singapur.

Wenige Länder verzerren das Bild

Anders präsentiert sich die Situation in den Schwellenländern: Viele Emerging Markets (EmMa) zeigten sich im Vorfeld der Finanzkrise vergleichsweise diszipliniert und bauten ihre Verpflichtungen ab. Im Zuge der Marktverwerfungen 2008/09 sahen sie sich allerdings ebenfalls dazu gezwungen, ihre Binnenmärkte anzukurbeln. Zwar trugen diese Konjunkturprogramme massgeblich dazu bei, die Weltwirtschaft am Laufen zu halten. Doch wurde die Unterstützung über eine deutliche Ausweitung der Schuldenlast erkauft. So erhöhten sich zwischen 2008 und 2015 die Gesamtverbindlichkeiten von 90 auf 117% des BIP.

Dieses Bild wird jedoch von einzelnen Ländern verzerrt. Laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) ist der starke Schuldenanstieg in den EmMa auf einige wenige «Sündenböcke» wie China oder Brasilien zurückzuführen. Gerade damit verschärfe sich das Risiko für die globale Finanzmarktstabilität, handle es sich dabei doch um Staaten, die besonders systemrelevant und für rund 60% der gesamten EmMa-Wirtschaftsleistung verantwortlich sind.

Sorgenkind Nummer eins bleibt China. Mit Verbindlichkeiten von rund 250% des BIP sitzt das Reich der Mitte noch immer auf einem gewaltigen Schuldenberg. Seit der Finanzkrise haben gerade die chinesischen Banken eine enorme Kreditsumme geschöpft, wobei das riesige Schattenbankensystem eine verlässliche Messung erschwert. Am riskanten Balanceakt der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt hat sich jedenfalls nichts geändert: Entweder lässt Peking die Zügel schleifen, was die Folgen bei einem allfälligen Schuldenkollaps verschärft. Oder aber die dringend nötige Reduktion wird vorangetrieben. Dies würde allerdings spürbar auf der Konjunktur lasten.

[info 2R[Laut IWF sollte derweil auch Brasilien im Auge behalten werden. Zwar liegt hier das Niveau der Privatverschuldung ungefähr im Rahmen anderer Schwellenländer. Allerdings sind die gesamten Verbindlichkeiten zwischen 2005 und 2015 mit rund 6 Prozentpunkten jährlich praktisch doppelt so rasch gestiegen wie im EmMa-Durchschnitt.

Rasche Expansion ist gefährlich

Der geschwächte Staatshaushalt dürfte es Brasilien einerseits erschweren, die negativen Konjunkturfolgen abzufedern, sobald der private Sektor mit der nötigen Entschuldung beginnt. Andererseits zieht eine allzu rasche Schuldenexpansion per se eine erhöhte Wahrscheinlichkeit von Finanzkrisen nach sich. Basierend auf IWF-Erfahrungswerten liegt die Gefahrenschwelle bei rund 5 Prozentpunkten pro Jahr, was von Brasilien demnach deutlich übertroffen wird.

In einer wiederum anderen Situation befinden sich die vom IWF als einkommensschwach klassifizierten Länder («Low-Income Countries»), zu denen vor allem afrikanische Nationen zählen. Sie konnten ihre Gesamtverschuldung bis zur Finanzkrise deutlich verringern – auch wenn der Abbau primär auf den in den Neunzigerjahren vom IWF und der Weltbank eingeleiteten Schuldenerlass zurückzuführen war.

In den vergangenen Jahren hat sich ihre Verschuldung nun wieder erhöht, sowohl auf staatlicher als auch auf privater Ebene. Diese Trendwende ist allerdings nicht per se negativ zu werten. Gemäss IWF sei sie vor allem Ausdruck der Finanzsektorentwicklung, getrieben beispielsweise durch Mikrofinanzinstitute oder Bankdienstleistungen auf Mobiltelefonen.