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Deutschlands Energiepolitik in der Sackgasse

Für Berlins Energiestrategie gibt es zwei Varianten: von Kohle auf Gas umstellen oder ausländischen Atomstrom kaufen – oder selbst neue Atomkraftwerke bauen. Ein Kommentar von Hans-Werner Sinn.

Hans-Werner Sinn
«Wenn Deutschland die Preise konstant halten möchte, muss es darauf verzichten, seinen Strommix weiter zu vergrünen.»

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hält Deutschlands Wirtschaft für ein Auslaufmodell. Damit könnte er recht haben, wenn es um die Energieversorgung geht.

Während Frankreich über 70% seines Stroms aus Kernenergie erzeugt und seinen Verkehr in Zukunft mit Atomautos betreiben will, setzt Deutschland auf Windenergie und andere grüne Energieformen. Die Bundesrepublik will bis 2022 nicht nur aus der Kernenergie, sondern bis 2038 auch noch aus der Kohleverstromung aussteigen.

Das aber wird sie kaum schaffen, denn die Möglichkeiten, noch viel mehr Windflügel aufzustellen, sind begrenzt. Schon heute ist das ganze Land mit riesigen, bis zu 250 Meter hohen Windkraftanlagen übersät, die selbst seine schönsten Kulturlandschaften in Industriegebiete verwandeln.

Jubelnd haben Bauern und Waldbesitzer der Umwidmung ihres Landes zugestimmt, war damit doch stets ein riesiger Planungsgewinn verbunden, wie er sonst nur den Landbesitzern an den Rändern der Grossstädte vergönnt war. Viele von ihnen haben mit den Windkraftanlagen Millionen verdient.

Sonne, Wind, Biogas stossen an Grenzen

Der Ausbau der Windanlagen gerät jedoch ins Stocken, weil immer mehr Bürger gegen die Vernichtung der Natur Protest erheben. Wie Pilze schiessen die Bürgerbewegungen gegen die Grobiane aus dem Boden. Selbst im deutschen Naturschutzbund hat zum Thema Windanlagen ein Umdenken eingesetzt, weil diese Anlagen riesige Mengen an Insekten, Vögeln und Fledermäusen vernichten. Sonnenenergie und Biogasanlagen sind zwar mögliche Alternativen, doch stossen auch sie an ihre Grenzen, weil Deutschland bekanntlich von der Sonne nicht verwöhnt wird und die Rivalität zwischen Teller und Tank gravierende ethische Fragen aufwirft.

Wind- und Sonnenstrom sind sehr unstet. Mal fehlt der Strom, mal gibt es zu viel davon. Weht kein Wind und scheint keine Sonne, müssen konventionelle Kraftwerke die Versorgung sichern. Kein einziges konventionelles Kraftwerk kann dank Wind- und Solaranlagen abgebaut werden.

Weht ein kräftiger Wind und scheint zugleich die Sonne, gibt es bisweilen schon heute so viel grünen Strom, dass der Strompreis negativ wird. Das Problem wird sich dramatisch verschärfen, wenn der Marktanteil des Wind- und Sonnenstroms, der heute 25%  beträgt, über 30% hinaus erhöht wird. Dann nämlich beginnen die ersten Stromspitzen den Verbrauch zu übersteigen, und man weiss nicht, wohin damit.

Elektroautos helfen nicht, im Gegenteil

Der Anteil der auf den Überschuss entfallenden Energie wächst progressiv gegen 100%, wenn auch der Marktanteil des direkt nutzbaren Wind- und Sonnenstroms gegen 100% geht. Selbst wenn man einen perfekten Stromverbund von den Alpen bis nach Norwegen herstellen und in den beteiligten Ländern alle geologisch möglichen Pumpspeicher bauen würde, könnte der Marktanteil des Wind- und Sonnenstroms nicht über 50% wachsen, ohne dass ein immer grösserer Teil der überschiessenden Stromspitzen verklappt oder durch den Wechsel der Entropiestufe (Umwandlung in Wärme oder Gas) degeneriert wird.

Viele sehen eine Lösung in Elektroautos, und tatsächlich werden solche Autos kommen, weil die EU sie, angetrieben von Frankreich, mit massiven regulatorischen Eingriffen in den Automarkt erzwingt. Elektroautos werden aber keinen Beitrag zur Linderung der deutschen Energieprobleme leisten, sondern ganz im Gegenteil den Energienotstand noch weiter vergrössern.

Schon heute zahlen Deutschlands Haushalte wegen des hohen Grünstromanteils die höchsten Strompreise Europas, höher noch als das, was den dänischen Haushalten für die Windkraft abverlangt wird. Wenn nun auch noch grosse Teile des Verkehrs mit Strom betrieben werden sollen, wird der Nachfrageschub die Strompreise noch weiter in den Himmel treiben und den Industriestandort Deutschland nachhaltig schädigen.

Differenzen mit Frankreich

Wenn Deutschland die Preise konstant halten möchte, muss es darauf verzichten, seinen Strommix weiter zu vergrünen. Doch wenn es seinen CO2-Ausstoss nicht verringert, wird es die verbindlichen Ziele der EU verfehlen.

Es gibt nun nur noch zwei denkbare Auswege aus der Zwickmühle. Der erste besteht darin, die Kohlekraftwerke auf Gas umzustellen, denn bei der Gasverbrennung entsteht nur etwa halb so viel CO2 wie bei der Kohleverbrennung. Deutschland kann damit immerhin den jährlichen Ausstoss von 900 Mio. Tonnen CO2 auf 770 Mio. Tonnen senken.

Dafür braucht es neue Gaspipelines wie zum Beispiel Nord Stream 2. Gerade diese Leitung wird jedoch von der EU-Kommission sowie nicht zuletzt von Frankreich massiv behindert. Nur eine Woche nach der Unterzeichnung des neuen deutsch-französischen Freundschaftsvertrags im vergangenen Januar entzog Emmanuel Macron seiner Partnerin Angela Merkel auch offiziell die Unterstützung für dieses Projekt.

Alternativ kann Deutschland ausländischen Atomstrom kaufen oder selbst neue Atomkraftwerke bauen. Dazu muss es aber erst einmal mit dem Träumen aufhören und die Generation der Politiker pensionieren, die den Atomausstieg beschlossen haben, um dann, wie Schweden es 2009 und 2016 getan hat, unter erhöhten Sicherheitsanforderungen den Ausstieg vom Ausstieg aus der Atomkraft zu realisieren. Die Kraftwerke gibt es zum Glück in Frankreich noch zu kaufen.

Copyright: Project Syndicate.

Leser-Kommentare

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Willy Huber 25.06.2019 - 10:59
Man glaubt es kaum: Da wagt einer in Merkl’s Deutschland, deren völlig verzerrte Wahrnehmung zur sog. Energiewende (Atomausstieg / CO2 Reduktion, noch mehr Windräder, noch mehr subventionierter Solarstrom) etwas näher zu betrachten! Der viel zu frühe geplante (oder bereits laufende) Atomausstieg, die einzige CO2 freie Stromquelle, muss per sofort gestoppt werden. Die Merkl’schen Windräder verschandeln schon grosse nördliche, ehemals wunderschöne… Weiterlesen »