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Der unverhoffte Billionen-Yuan-Bullenmarkt

Die Börse Schanghai ist am Montag fast 6% gestiegen. Nicht nur die Hoffnung auf ein Ende des Handelskriegs beflügelt den chinesischen Aktienmarkt.

Alexander Trentin

An der chinesischen Börse ist der Bulle losgelassen. Der Leitindex Shanghai Composite, die Börse Shenzhen und der Gesamtindex CSI 300 notieren alle über 20% höher als bei ihrem letzten Tiefst. Allein am Montag hat die Börse Schanghai ein Plus von 5,6% erzielt.

Im vergangenen Jahr sind die Börsen teilweise mehr als 25% gefallen. Die Kurse haben also noch nicht das Niveau von Anfang 2018 erreicht.

Auffällig ist, dass der Kurserfolg an der Börse von mehr Handelsaktivität begleitet wird. Das tägliche Volumen an den chinesischen Börsen hat am Montag erstmals seit 2015 die Marke von 1 Bio. Yuan (149 Mrd. Fr.) übertroffen. Damit wurde dreimal mehr gehandelt als noch vor einem Monat.

Es scheint, dass die Chinesen wieder neue Lust auf Aktien haben. Dabei wurden die Privataktionäre schon oft vom Boom-and-Bust-Muster der Börse getroffen: Von Oktober 2007 bis November 2008 sanken die Kurse fast 70%, von Juni 2015 bis Februar 2016 mehr als 45%.

Auch ein anderer Finanzindikator bestätigt den Aufschwung an den Börsen. Die chinesische Währung Yuan notiert mit 6.69 Yuan/$ so stark wie seit Juli 2018 nicht mehr.

Hauptgrund für die aufkeimende Euphorie ist der Optimismus, dass sich die USA und China bald im Handelskonflikt einigen. Donald Trump hat am Montagmorgen die befürchteten Strafzölle auf chinesische Waren aufgeschoben.

Doch gegen die Zuversicht stimmt nach wie vor der konjunkturelle Trend. Ein Indikator von Goldman Sachs für die ökonomische Aktivität in China hat sich seit Mitte vergangenen Jahres deutlich abgeschwächt. Solche Indikatoren gelten als zuverlässiger als die offiziellen Wachstumszahlen. Der Einkaufsmanagerindex (Purchasing Managers Index, PMI) als Frühindikator notiert so tief wie zuletzt vor drei Jahren.

Neben dem Optimismus mit Blick auf den Handelsstreit spricht für Aktien, dass die chinesische Regierung und die Notenbank nun signalisieren, die Kreditvergabe zu lockern. Das läuft allerdings gegen die langfristige Strategie, die rekordhohe Verschuldung der Unternehmen und der Haushalte einzudämmen.

Überraschend hohe Kreditvergabe

Die Januarzahlen für die Kreditvergabe haben Analysten überrascht. Die Summe aller Finanzierungsinstrumente (Total Social Financing) ist so gross wie nie. So schreiben die Analysten von Bank of America Merrill Lynch: «Die Lockerung durch die chinesische Notenbank erzielt endlich Wirkung, die Liquidität wird von den Finanzinstitutionen an die Realwirtschaft weitergegeben.»

Tang Yao, Professor an der Universität Peking, erklärte in einem Kommentar für die Staatszeitung «China Daily», seit Anfang Jahr trieben «stabile Geldpolitik und entspannte Kreditvergabe» die Wirtschaft an. Der Staat stelle wieder mehr Geld für Infrastrukturprojekte bereit. Dazu kämen mehrere Runden an Steuersenkungen für Privathaushalte und Unternehmen.

Eine Zinssenkung käme nicht gut an

Die Wirtschaft werde durch diese Massnahmen stabilisiert – auch ohne Herabsetzung der Leitzinsen. Eine Zinssenkung würde am Markt wohl nicht gut aufgenommen werden, weil dies zu Kapitalabfluss führen und damit die Währung schwächen könnte.

Die Finanzierungsbedingungen haben sich gemäss einem Indikator der Citi Bank so stark verbessert wie seit Juni 2018 nicht mehr.

Eine wachsende Kreditvergabe bringt dem Finanzsektor mehr Ertrag. Es verwundert daher nicht, dass Finanzunternehmen zu den grossen Gewinnern der jungen Rally gehören. So haben am Montag alle an der Börse gelisteten Wertpapier-Broker das festgelegte tägliche Maximum eines Kursanstiegs von 10% erreicht.

Peking will den Finanzsektor stärken

Auch Äusserungen von Präsident Xi Jinping vor dem Politbüro am Freitag sprechen für Finanzaktien. Der Finanzbereich sei ein entscheidender Aspekt der Wettbewerbsfähigkeit eines Landes, sagte Xi. Das Finanzsystem sei ein wichtiger Teil der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung Chinas. Das Land solle eine «Reform der Angebotsseite» und Stärkung des Finanzsektors durchführen.

Unter solch einer Reform wird oft verstanden, einen Sektor effizienter zu gestalten, indem Firmen fusioniert und dadurch Kosten abgebaut werden. Weniger Konkurrenz im Finanzbereich könnte höheren Gewinn versprechen.

Risiken des kreditfinanzierten Aktienkaufs

Gemäss der Finanznachrichtenplattform Caixin sollen Beschränkungen für den Aktienhandel aufgehoben werden. Sie sind seit dem Platzen der Blase im Jahr 2015 in Kraft. Auch sind Steuerbegünstigungen und die Kürzung von Gebühren im Gespräch.

Dass die Kreditvergabe auch direkt auf den Aktienmarkt wirkt, beschäftigt die Wertpapieraufsicht. Sie warnte am Montag vor den Risiken durch Lombardkredite (Margin Loans), mit denen Anleger Aktienkäufe finanzieren.

Technologie- und Kommunikationsaktien steigen

Neben Finanztiteln legten die Aktien von IT- und Kommunikationsunternehmen zu. Zuletzt hat Präsident Trump zu verstehen gegeben, dass eine Beilegung des Handeskonflikts auch die Massnahmen gegen Huawei betreffen würde.

Huawei ist zwar nicht kotiert, aber eine Einigung würde für andere Technologieunternehmen (etwa den Kommunikationsausrüster ZTE) das Damoklesschwert von US-Handelsbeschränkungen verschwinden lassen.

Positiv für ein Engagement an der Börse stimmt, dass die Bewertungen für chinesische Aktien gemäss Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) deutlich gesunken sind. Besonders die durch Technologieaktien dominierte Börse Shenzhen ist viel günstiger geworden: Vor einem Jahr lag das KGV dort noch über 25. Seitdem ist es zeitweise unter 17 gefallen. Nun hat es sich auf gut 20 erholt.

Die Börse Schanghai hat ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 14 (MSCI World: 17,1), vor einem Jahr waren die Aktien in Schanghai noch mit einem KGV von 16,6 (MSCI World: 19,9) bewertet.

Eine Investorengruppe scheint der neuen Euphorie aber nicht zu trauen – sie verkauft angesichts steigender Kurse. Ausländische Anleger können durch eine Verbindung zur Börse Hongkong direkt an den Börsen Schanghai und Shenzhen handeln.

Am Saldo der Verkauf- und der Kaufvolumen lässt sich ablesen, wie viel Geld aus Hongkong in die zwei Börsen fliesst – und zurück. Die Ausländer haben am Montag erstmals seit einem Monat wieder Festlandaktien verkauft.