Märkte / Makro

«Der Sparer muss noch länger auf Entlastung warten»

Gottfried Heller, Senior Partner von Fiduka, rät wegen der herrschenden Unsicherheit zu Indexanlagen. Angetan haben es ihm Werte mit Dividendenwachstum.

Dieter Heumann

Herr Heller, die EZB hält an ihren Tiefstzinsen fest, obwohl das Ziel einer Inflationsrate von «nahe, aber unter 2%» erreicht ist. Warum handelt sie nicht?
Die EZB macht ihr Handeln immer von der Datenlage abhängig, wie dies auch andere Zentralbanken tun. Und da ist sie sich  derzeit noch nicht sicher, ob das Inflationsziel bereits nachhaltig erreicht worden ist. Zudem verfügen die südlichen Euroländer im EZB-Rat über die Mehrheit der Stimmen. Da sie hoch verschuldet sind und ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht über eine Abwertung der Währung stärken können, werden sie alles tun, um höhere Leitzinsen so lange wie möglich zu vermeiden.

Erwartet wird der erste Zinsschritt der EZB für Herbst 2019. Glauben Sie daran?
Das wäre der frühestmögliche Zeitpunkt. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass man gleich die Leitzinsen erhöhen wird. Ich glaube eher, dass der negative Einlagenzins, den Banken der EZB zahlen müssen und den sie teilweise an Unternehmen und institutionelle Anleger weiterbelasten, gesenkt oder gestrichen wird. Der Sparer dagegen wird wohl noch länger auf Entlastung durch die EZB warten müssen.

Mit fleissigem Sparen lässt sich heute also keine effektive Vorsorge mehr betreiben.
Der deutsche Sparer hat sein Vermögen zu 80% in verzinsten Sparformen angelegt. Er wird wohl mindestens bis 2020 auf eine Zinsanhebung warten müssen. Aber glücklich wird er auch dann nicht sein können, weil die Inflationsrate deutlich höher bleiben dürfte als der Zins. Der Realzins ist also negativ, die Ersparnisse werden schleichend entwertet.

Die Kaufkraft der Sparer schmilzt also weiter dahin und somit auch die Möglichkeit der Vorsorge über das Sparkonto?
Ja, und zu berücksichtigen ist auch der Zinseszins. Wenn der Zinsertrag nicht verbraucht, sondern wieder angelegt wird, wächst das Kapital exponentiell, also mit zunehmender Dynamik. Mit dem nunmehr acht Jahre währenden Siechtum des Zinses ist auch der Zinseszins unter die Räder gekommen. Der Sparer muss also einen doppelten Negativeffekt verkraften.

Was raten Sie dem Sparer?
Wenn es um eine längerfristige Geldanlage zum Beispiel zur Vorsorge für das Alter geht, dann ist der Investor in der Aktie mit Abstand am besten aufgehoben.

Aber gegenüber der Aktie hegen gerade die Deutschen erhebliche Skepsis?
Richtig, so lässt man sich immer wieder durch kurzfristige Schwankungen an den Aktienmärkten verschrecken. Fakt ist aber: Die Börse hat trotz vieler Krisen in den vergangenen fünfzig Jahren immer wieder neue Höchststände erreicht. Langfristig haben Aktien inklusive wiederangelegter Dividenden eine Rendite von 9 bis 10% pro Jahr gebracht.

Der Handelskrieg drückt auf die Stimmung. In Europa belasten der Brexit und die Italienkrise die Börsen zusätzlich. Welche Folgen erwarten Sie?
Die Konjunktur befindet sich trotz der Unwägbarkeiten immer noch auf recht hohem Niveau. Aber wegen zunehmender Handelshemmnisse haben die Unternehmen weltweit begonnen, ihre Vorräte an Rohstoffen und Vorprodukten aufzustocken. Andererseits beobachten wir eine steigende Zurückhaltung bei Investitionen. Ein zunehmender Teil der gegenwärtigen konjunkturellen Entwicklung ist somit das Resultat vorgezogener Käufe, die der Wirtschaft in Zukunft fehlen werden. Ein wichtiger Indikator für die künftige Konjunkturentwicklung ist der Kupferpreis, der kürzlich 17% eingebrochen ist. Mit Blick auf die konjunkturelle Zukunft bin ich vorsichtig.

Das heisst, dass Sie auch die weitere Börsenentwicklung negativ sehen?
Nicht unbedingt. Wenn als Folge der sich abschwächenden Konjunktur die Unternehmensgewinne weniger stark steigen, werden die Notenbanken von weiteren Zinsanhebungen absehen oder sogar eine wieder etwas expansivere Geldpolitik betreiben. Das stützt die Börsen. Eine mässig wachsende Wirtschaft ist für die Börsen meist besser als eine boomende.

Welche Branchen und Titel gefallen Ihnen in diesen unsicheren Zeiten?
Lassen Sie mich dazu nur so viel sagen: In Deutschland, aber auch an anderen europäischen Börsen sind die Bewertungen dank der gestiegenen Unternehmensgewinne gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis oder an der Dividendenrendite wieder ziemlich attraktiv.

Aber?
Ich setze auf Aktien, weil sie langfristig alle anderen Anlagen schlagen, rate dem privaten Investor besonders in diesen unsicheren Zeiten aber zu Indexfonds, also ETF. Dadurch ist er besser vor dem unvorhersehbaren Risiko einer einzelnen Aktie geschützt. Denn es ist nicht abzusehen, was die irrationalen Beschlüsse eines Donald Trump letztlich für die Gewinnsituation und die weitere Entwicklung betroffener Unternehmen bedeuten. Zudem belegen jüngere finanzwissenschaftliche Untersuchungen, dass 90% des Investmenterfolgs der Wahl der richtigen Anlageklasse und nur 10% der Aktienselektion, also dem Stock Picking, geschuldet sind.

Welche ETF empfehlen Sie?
Ich rate zu ETF, die zusätzlich zu einer hohen Dividendenrendite auf qualitative Elemente setzen. So weisen die in den Stoxx-Dividendenindizes enthaltenen Aktien auch ein stabiles Wachstum der Ausschüttungen auf. Besonders geeignet ist der globale Dividenden-Aristokraten-Index, weil er mit Aktien zuverlässiger Dividendenzahler aus über zwanzig Ländern die breiteste Streuung aufweist.

An welchen Börsen sehen Sie Chancen?
Durchaus in Europa, wobei ich deutsche Aktien eher untergewichten würde. Das gilt vor allem für Dax-Werte, die sehr exportlastig sind und unter den internationalen Zoll- und Handelsproblemen leiden. Auch in Europa würde ich in einen Index wie den breit aufgestellten Stoxx 600 investieren, der neben Blue Chips Titel kleinerer Unternehmen enthält. Interessant sind die USA, wo die Wachstumsdynamik wegen der Steuerreform ungebrochen ist. Im Blick habe ich ferner die Emerging Markets, die derzeit ein KGV von günstigen 12 aufweisen. Allerdings bin ich wegen des Handelsstreits bei China derzeit eher vorsichtig. Das Gleiche gilt für Länder mit hoher Dollarverschuldung wie Argentinien und die Türkei.

Bringt der steigende Dollar nicht weitere Schwellenländer in Schwierigkeiten?
Die meisten Emerging Markets haben in den vergangenen Jahren wirtschaftliche Reformen durchgeführt, die ihre Abhängigkeit vom Dollar gemindert haben. Allerdings geraten auch Währungen anderer Schwellenländer unter Druck, wenn es in den Problemländern kracht. Das heisst aber nicht, dass sie in eine Krise hineingezogen würden. Dennoch sollten sich Privatanleger auch in den Schwellenländern breit ausrichten.

Sie leben zeitweilig in den USA. Wie sehr verändert sich das Land unter Trump?
Donald Trump ist dabei, die US-Gesellschaft tief zu spalten. Er setzt die Versprechen um, die er im Wahlkampf gemacht hat – auch solche, die für amerikanische Unternehmer und Farmer letztlich schädlich sind. Als Börsianer muss man aber die Person von der Sache trennen. So hat Trump die angekündigte Steuerreform umgesetzt und die Unternehmenssteuer von 35 auf 21% gesenkt. Sie macht die USA zu einer Steueroase, die Auslandinvestitionen anzieht. Dies sorgt für Kostenentlastungen und stärkt den Konsum sowie die Investitionen. Folglich verzeichnet die US-Konjunktur trotz steigender Zinsen ein anhaltend gutes Wachstum.

Das ist aber nur eine Seite?
Durchaus, und so reagieren auch immer mehr Amerikaner mit Unverständnis, wie Trump ohne politisches Gespür, ja geradezu flegelhaft mit den engsten Verbündeten der USA umgeht und der kurzfristigen wirtschaftlichen und politischen Erfolge wegen die Handelspartner mit hohen Zöllen und Drohgebärden unter Druck setzt. Dass Trump zu einer Gefahr für die Weltpolitik und die Weltwirtschaft geworden ist, indem er über Jahrzehnte gewachsene weltwirtschaftliche Strukturen in Frage stellt, ohne Alternativen aufzuzeigen, bleibt vielen Amerikanern nicht verborgen. Sie machen sich Sorgen um die langfristigen Folgen Trump’scher Politik.

Wie sind die Chancen für Trump bei den anstehenden Zwischenwahlen?
In der Wählerschaft Trumps tut sich etwas: 35 bis 40% der Trump-Wähler stehen bedingungslos hinter ihrem Präsidenten. Aber ein erheblicher Teil hat ihn nur gewählt, weil sie die demokratische Kandidatin Hillary Clinton als Präsidentin verhindern wollten. Unter diesen Wählern scheint jetzt ein Umdenken stattzufinden, das die Republikaner am 6. November die Mehrheit im Kongress kosten könnte. Wenn das gelänge, wären Trump politisch die Flügel gestutzt. Das wäre ein positives Signal für die Börsen.