Meinungen

Der menschliche Vorteil

Der Siegeszug quantitativer Strategien ist kaum aufzuhalten. Wer nicht mitmachen will, muss eine Nische finden. Ein Kommentar von Alexander Trentin.

«Der menschliche Verstand ist im Vorteil, eine Einschätzung zu langfristigen Aussichten von Unternehmen zu formulieren.»

Wer sich für technische Entwicklungen interessiert, der kann täglich neue Wundertaten der künstlichen Intelligenz bewundern. Beispielsweise ist in der Bilderkennung, der Sprachverarbeitung und der Medizin die Leistung von immer ausgefeilteren Computermodellen nicht wegzudiskutieren. Für den Finanzmarkt ist es dagegen weniger klar, denn dort stehen Anleger in Konkurrenz um eine begrenzte Ressource: die Performance. Nicht alle können gleichzeitig den Markt schlagen. Für einen kleinen Bruchteil eines Prozents an Performancevorteil wird viel Geld und Intelligenz eingesetzt.

Der Star der Szene, Marcos Lopez de Prado, erklärt im FuW-Interview, dass sich dieser Fortschritt «nicht aufhalten lässt». Damit liegt er wohl richtig. Trotzdem ist zu bedauern, dass die Finanzbranche führende Mathematiker und Computerexperten von nützlicheren Aufgaben abhält, damit sie im Nullsummenspiel den Gewinn maximieren.

Investoren, die nicht im ruinösen Computer-Wettbewerb mitmachen wollen, sollten sich auf die menschlichen Vorteile besinnen. Die Algorithmen können in den Börsenkursen komplexe Muster erkennen und diese augenblicklich ausnutzen. Der menschliche Verstand ist dagegen im Vorteil, eine Einschätzung zu langfristigen Aussichten von Unternehmen zu formulieren. Auch werden Computer meist auf historische Daten trainiert. Es fällt ihnen daher schwer, sich auf ein ganz neues Umfeld einzustellen.

Je einfacher und zuverlässiger ein Investmentansatz funktioniert, desto eher wird er automatisiert werden. Der Mensch wird aber bei Kreativität, begründeten Überlegungen und Ansätzen, die einen langen Atem brauchen, weiterhin überlegen sein.